Die Schneeharfe

Foto: K.Utschick

Das Gedicht „Snöharpan“ ist eine Art Gleichnis von der Einsamkeit und Selbstpreisgabe des Sehers und Sängers, wie sie Dan Andersson (1888-1920) vermutlich selbst so empfunden und erlitten hat.

 

Die Schneeharfe

Sie stand einsam mit Fäden aus Frost im Haar
wie eine Harfe aus glitzerndem Eis,
und sie spielte ihr Lied im nächtlichen Wind,
die Weide, linde und leis.
Und lauschend ein Knabe mit Seidenhaar,
mit Tränen in den Augen stand:
„Oh, ich wußte nicht“, sagte er, „daß in so kargem Wald
so schimmernde Schönheit sich fand.

O höre die Töne, wie Perlen und Gold,
sie singen vom ewigen Sommerland,
wo am Himmel singende Sterne stehn
und Wolken im flammenden Brand.
O singe mich, Wind, von Dorf und Haus,
laß vergessen mich Mutter und Heim,
doch lehre mich singen, singen wie du,
auf einer Harfe wie die Harfe dein!“

Da sagte der Wind: „Deine Freude und Gott
und mehr mußt du geben für die Harfe mein,
und gibst du deine Liebe, eh du sie gespürt,
und all menschliches Glück, ist die Harfe dein.
Du bekommst eine Freude, fremd aller Lust,
vertraut mit bitteren Leid,
eine Angst, namenlos, und Tränen und Pein —
und die Harfe der glitzernden Weid.“

„Warum willst du geben Kummer und Gram,
da die Harfe und dein Sang sind mehr als genug,
auch wenn ich noch nie so geweint, eh ich kam,
als dein Atem die Saiten schlug?“
Da sagte der Wind: „So wisse, mein Sang
ist Donner vom tanzenden Meer
und Schrecken durchwachter Nächte lang
und Gebeine in Gräbern schwer.

Und wer liebt wie die Menschen, kann nicht singen wie ich.
Meine Harfe wird dich lehren deine Mutter verschmähn,
und nun nehm ich dir die Liebe, eh du sie gespürt —
nimm die Harfe, so magst du denn gehn.
Doch die Harfe, die trägst du wohl schon in der Brust,
dies ist nur die glitzernde Weid,
deine Kindheit ist fort, sing von Herbst und Frost,
doch spute, der Abend sich neigt.“

Und er wanderte und sang, und er fühlte wohl,
daß die Brust ward wund im Gesang.
Ob der Harfe vergaß er zu beten,
und seine Seele ward trostlos und bang.
Und er sang bei einer Jungfrau mit dunklen Haaren
und war wie der kalte weiße Schnee,
und er sang sein Lied auf der Harfe
vom einsamen Sterben und Weh.

Doch sie wollte die Liebe des Sängers:
„So dankst du mir bei der Harfe, daß ich mein Alles gab her.“
Und er sagte: „Meine Liebe ward Sternglanz,
und meine Harfe das tanzende Meer.“
Und sie sagte: „Du hast mich betört mit Gesängen,
und mein Herz gesungen zu Sternen und Leid.“
Und er sagte: „Wenn Leid und Gram dich bedrängen,
so gleichst du der hängenden Weid.“

Und sie schluchzte: „Du nahmst mir mein Alles,
ich verfluche dich und die Nacht und den Stern, der blinkt.“
Und er sprach: „Sieh den Mond, der als König geht
übers Tal, das ins Dunkel sinkt.
So sinke ins Gras und weine
wie die windgebrochene Tann.
Ich will spielen am brandenden Meere
und sterben wie der singende Schwan.“

Doch er kroch wie der Wurm in die Erde nieder,
wenn die Sonne versinkt und die Nacht wird kühl,
und er ging zu den Wäldern der Kindheit wieder
und vor der Weide im Schnee niederfiel.
Und er bat: „Hier nimm meine Harfe,
mag die Bosheit spielen ihr arges Stück.
Ich will wissen, was ich hergab für mein reinstes Gold:
Gib mein kindliches Herz mir zurück!“

Und er spürte eine bebende, erstickende Macht,
eine Lust in die Brust ihn stach,
und sein Herz ward von stürmender Liebe
bis zum Rand gefüllt und zerbrach.

Übersetzung   k-r u

2 Gedanken zu „Die Schneeharfe“

  1. Als sie den Himmel voller Geigen und Harfen gehängt haben war dieser Song offensichtlich die Inspiration. Das Paradies auf Erden! Danke fürs posten.

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