Gustaf Fröding. Atlantis (Original + Übersetzung)
ORIGINAL DEUTSCH

Atlantis

Lebenslust pulst am Gestade,
klingt wie Musik und wie Krieg auf Bastei,
hoch aus der dumpfen Kaskade
spritzt es heraus wie ein Schrei.
–  Nun ist es stille,
still liegt das Wasser
hier in der schweigenden Bai.

Öde und still sind die Räume,
fern von den Lebenden, fern ihrem Strand,
irrlichternd schweben die Träume,
Wasser umwebend und Land.
Lehn deine Schläfe
an meine Schulter,
sieh über Reling und Rand!

Schemen erscheinen am Grunde
scheinen wie Riffe und Reusen im Neer
–  siehst du im schimmernden Schrunde
Schlösser und Türme und Wehr?
Das ist Atlantis,
das war Atlantis,
Sage, versunken im Meer.

Glänzende mächtige Wälle
rahmten den marmornen Burgpalast,
Statuen in schimmernder Helle,
Gärten in flimmerndem Glast!
Nun sind sie öde,
und ihr Gedenken,
wandernd durch Gassen, verblaßt.

Gold schuf die Macht und die Tücke,
und eine Kaste von vornehmem Rang
raubte Millionen ihr Glücke,
prasste Jahrhunderte lang,
siegreich in Kriegen
–  Nöte gediehen,
Sieg auf Sieg, der gelang.

Doch in der Blüteperiode
schwand und versank der Atlanter Macht,
da sie sich selber zu Tode
hatten am Ende gebracht,
herrlich Begabte
fielen und sanken
in ihres Untergangs Pracht.

Meeresgrund läßt die Korallen
bunt in der Stadt der Entschlafenen blühn,
Sonne mit glimmenden Strahlen
matt läßt die Gräber erglühn,
wogende Algen,
grünliche Netze
Säulen und Häuser beziehn.

Einmal, ja einmal für uns auch
ist eine Stunde des Endes gemacht,
einmal, ja einmal auf uns auch
fällt wohl der Schlummer der Nacht,
wiegen die Wogen,
glimmen die Strahlen,
schimmern im Wellenreich sacht.

Stadt mit Gebrause vom Strande
steht auf dem Grunde von Lehm und von Schlamm.
Einst geht das Meer über Lande
geht über Stadt, über Damm,
über uns brausen,
über uns wogen
Völker von anderem Stamm.



 Gustaf Fröding, Schilf, Schilf, rausche. Ausgewählte Gedichte
 übersetzt von Klaus-Rüdiger Utschick, ©1999