Religiöse Dichtung, Nr. 19

Über das Evangelium am Neujahrstag.
Luk. 2, 21

Auf, macht die Tore weit! Der Tag sein Licht entzündet,
es glitzern Feld und Strauch, weiß überhaucht vom Frost.
Das kleine Licht der Nacht im Wolkensaum verschwindet,
und flammend rot steigt auf die Morgensonn im Ost,
und jubelnd überall erschallen Lobgesänge,
klingt Instrumentenspiel und tönen Glocken weit.
Auf einem Kissen thront des Tempels Heiligkeit,
von Kerzen angestrahlt im goldenen Gepränge.

So eile, Wandersmann, und gürte deine Lenden!
Von diesem Jahre an dem Herren zeige dich!
Die Wächter Zions schon, mit Kelchen in den Händen,
mit Purpur angetan, zur Erde neigen sich.
Hör ihre Seufzer tief! Sieh Glanz im Tempel walten!
Von ihrem Purpur strahlt Jehovas Name klar,
und unter seinem Kreuz steht prächtig der Altar,
gedeckt mit einem Tuch, in rosenroten Falten.

Tritt, Wandersmann, herein! Posaunendonner höre!
Es tönt das Lob des Herrn, es bebt der Tempelgrund,
da mächtig sich erhebt der Klang der Himmels-Chöre
und füllet mit Gebraus das weite goldne Rund.
Beug deine müden Knie und such dich zu ergründen,
die Hand vor dem Gesicht, bekenn mit Zuversicht:
Dein Heiland ist geborn, um vor dem Strafgericht
mit seinem teuren Blut zu tilgen deine Sünden!

Wohlan! Dein Herz begehrt, die Botschaft zu erfahren,
- da du auf deinem Stuhl in Tränen niederkniest -
was Micha prophezeit vor vielen tausend Jahren:
Wenn einst ein Stern geht auf, dann kommt der Herre Christ!
So lies die heilge Schrift, der Wahrheit ewge Speise,
lies, welchen hohen Preis er einst für uns bezahlt!
Bereue deine Schuld und deine Hände falt
und freue dich in ihm und seine Güte preise!

Bedenke, was die Schrift an diesem Tag erkläret:
Beschnitten ward das Kind, vermeldet der Bericht.
Sein Vorbild sehen wir, das uns den Trost gewähret
und aus Verirrung führt mit seinem klaren Licht.
Denk! des Gesetzes Herr, um sich zu offenbaren,
geboren ward als Mensch, und Mensch war ganz und gar,
Gesetzes Stachel hat an seinem Leib erfahren
und nahm hinweg die Qual, die uns beschieden war.
Das Blut, das niederrinnt, - besehet und besinnet! -

in seinem schnellen Lauf zeigt uns ein Bildnis auch
vom Blute, das schon bald für unsre Sünden rinnet
und so den Höllenschlund erstickt in seinem Rauch.
Durch ihn sind wir erlöst und können selig werden.
Dich, Heiland, preisen wir in diesem Festes-Akt!
In deinem Namen einst der Engel hat gesagt:
Fallt nieder auf die Knie im Himmel und auf Erden!