Religiöse Dichtung, Nr. 17

Über das Evangelium am Tag der unschuldigen Kindlein.
Matth. 2, 13

Herodes, du Tyrann! Wo ist dein Staub vergraben?
Vor deiner Asche noch die Seelen Abscheu haben.
Wo bist du, du Tyrann, der ruchlos stößt sein Schwert
in eine Kinderbrust, arglos und unbewehrt.
Ich sehe es bestürzt! O hartes Menschenherze!
Rührt dich die Unschuld nicht in ihrem Todesschmerze?
Sag! Fühlest du denn nicht in deiner Seele Weh,
daß ein so junges Blut dem Leben sagt Ade,
daß eine Hand sich streckt entgegen deinen Spießen,
daß hier ein Aug erlischt, da erste Tränen fließen,
daß dort ein Kind im Schlaf, im Traume lacht entzückt,
durchbohrt von deinem Dolch, in seinem Blut erstickt?
Sag mir! Nun weine ich ... Wie kannst du nur so wüten
und töten tausendfach der Liebe zarte Blüten?
Der Mutter Tränen nicht besänftigen dein Blut,
des Vaters bittrer Blick nicht stillet deine Wut?
Wie kannst du denn dein Schwert just gegen Kinder zücken,
die deines Zepters Macht und deine Krone schmücken?
Du tötest deine Seel mit ihrem Jammerschrei,
du stürzest deinen Thron mit deiner Raserei!
Welch Ehrgeiz konnte dich verblenden in den Sinnen,
welch Furcht um Thron und Burg dir durch die Adern rinnen?
Wohin geht nun dein Blick in deiner Seelenpein?
Vorsehung, Gottesmacht! Verwirret halt ich ein ...
Die ewge Weisheit doch verbirgt sich unsren Blicken.
Es tagt Gerechtigkeit, und Racheblitze zucken.
Denn ganz und immerfort erfüllt sich Dein Gebot -
doch, war Dein Ratschluß so? Verborgen bist Du, Gott!
Verborgen bist Du uns in Deinen ewgen Reichen,
du schlugst Herodes nicht und andre seinesgleichen -
und konntest lähmen doch solch grimmen Haß und Harm!
Doch Bethlehem! du sühnst dein’ Sünd durch seinen Arm.
Du hörtest Hirtenwort, vernahmst der Engel Stimmen,
sahst den Erlöser selbst und Lichter um ihn glimmen -
und dennoch, Bethlehem! in Betten schliefest tief,
als ein verborgner Gott schrieb unsren Freiheitsbrief!
Wird Er uns gnädig sein, wenn Er die Strafe übet,
wenn Seine Sonn uns flieht und uns die Welt betrübet?
Gib uns der Liebe Licht, das milde auf uns scheint,
und Deine Rute auch, die uns ist wohlgemeint!
Gehorsam, Glaube sind zur Gnad gefügt zusammen,
und Reuetränen hier auslöschen ewge Flammen.
Verborgen bist Du, Gott, wenn Dich Dein Zorn umloht.
In Gnaden krön Dein Volk! Erlös uns, milder Gott!