Jugendgedichte II, Nr. 68

Bacchanalisches Morgengebet

Womit soll ich denn loben,
mein Bacchus, diese Stund?
Soll ich spielen oder toben,
mit gierig schnödem Mund?
Mit Nüchternheit? Ach nein.
Mit Suff, gefolgt vom Kater?
Ach, nescio Liber Pater,
den Durst will ich dir weihn.

Mein Amt ich nun ergreife,
eh meinen Schlund ich näss’;
ich nehme Zapf und Pfeife
und Saft aus Trauben press’.
Der Tag beginnt beim Glas:
Aurora musis amica!
Sei, Bacchus, mein Erquicker
mit Kraft vom vollen Faß.

Laß auch den Tag so enden,
daß froh mein Glaube sei,
laß mich den Nachen wenden
zu deines Rausches Kai
und wälze mich an Land.
Sei meiner Kehle Kloster,
nunc ardet domus noster,
lösch, Bacchus, meinen Brand!

k-r u

Liber: Name für Bacchus in der italischen (vor-römischen) Mythologie; Liber pater bedeutet also: Vater Bacchus.
Nescio: Ich weiß nicht.
Aurora musis amica: Die Morgenröte ist den Musen hold.
Nunc ardet domus noster: nun brennt unser Haus.