Jugendgedichte I, Nr. 39

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Das zarteste Auge kaum sieht seinen Tag,
da muß die Brust schon erbeben
und folgt den Gesetzen von Schrecken und Plag
in zehrenden Flammen durchs Leben,
begegnet in Tränen der Welt voller Neid
im tödlichen Lärm und grimmigen Streit —
und muß sich den Plagen ergeben.

Mit seufzender Seele der Leib macht sich auf,
verläßt seine friedvolle Grotte
und geht seinen Weg im verschlungenen Lauf,
geprüft von dem himmlischen Gotte:
In brausenden Stürmen im wogenden Meer,
ein schlingerndes Schiff im verschlingendem Neer,
das sinkt zu den Wracks einer Flotte.

Das Herz, das so fromm immer schlägt in der Brust,
in Ungeduld harret der Stunde,
da Frühling ihm blüht und schenkt Freiheit und Lust,
doch fürchtet des Blitzschlages Zunder,
der endigt die Zeit mit dem schaurigsten Knall
und Bosheit läßt flammen, bis die Tage sind all
und Leben im Tode geht unter.

So geht es auf Fahrt wohl mit lustig Juchhe,
was Menschen als Glück je empfinden;
sie schlummern erst sanft und erwachen dann jäh
und gehn ihren Pfad wie die Blinden:
Die Brust, die da seufzt, und das Auge, das weint —
und Eden gleichwohl zu gewinnen vermeint,
im blumigen Heim hofft zu finden.

Frau Falschheit in Glitter und schimmerndem Flaus
so fröhlich und frisch sieht man prangen —
da tritt sie mit offenen Armen vors Haus,
und will eine Unschuld umfangen;
ihr Herz ist so tückisch wie mild ihr Gesicht,
so löscht und erstickt sie das wahrhafte Licht,
doch vor dessen Flamme muß bangen.

Auf Erden gekommen wir nehmen uns viel,
bis Zeit und Natur uns belangen;
unser brüchiges Nichts, unser goldenes Spiel,
bedroht von Tigern und Schlangen:
Was heute heißt Freiheit, ist morgen Verfall;
das Leben sich sehnt, daß sein Tag werde all,
wie der Vogel, im Bauer gefangen.

Du lebende Gottheit! Du Feuer des Lichts!
Entzünde die Glut mir im Herzen!
Erhebe mein bebendes Sein aus dem Nichts,
laß fliehen vor Flitter und Scherzen:
Erlös den Gefangenen, der seufzet und fleht,
verkläre das Auge, das dunkel dich sieht
und schaut deine Werke mit Schmerzen.