[7] Jugendgedichte I

Der Lebenlauf der Schönen

Morgen beschauen, das Auge reiben froh,
wach bei Schokolade und bei Tee, Kaffee, hoho,
gähnen, lispeln, singen, seufzen, Stirne in der Hand
samt dem blauen Morgenhäubchen mit dem rosa Band.

Bang vor dem Jüngsten Gericht, zerknirscht und fromm,
träumen von Sankt Brita, Amor, Teufel, Türk’ und Rom.
Endlich in der morgendlichen Alteration
Pillen schlucken und Mixturen, Pulver, Emulsion.

Wenden und wälzen den Leib, der ach so matt,
wieder gähnen, lispeln, sich erheben dann bedacht
und das Unterröcklein anziehn und noch anderes mehr,
und sich wünschen, daß der Tag doch bald zu Ende wär.

So gegen elf Uhr dann trippeln hübsch und nett,
in dem kleinen Puderhemdchen tanzen Menuett,
und ein bißchen klöppeln, naschen von dem Salat,
singen einen Morgenpsalm und ohrfeigen die Magd.

Sitzen so süß und bezaubernd in ‘nem Eck,
gucken auf die Uhr, und sich aufs Röcklein schlagen keck.
Und von all Vergnügung und Geseufze matt und schwer
singen noch ein Lied im Harm: Aimable mon berger.

Glocken schon hört man nun läuten, Gott sei Lob!
Zeit enteilt, die kleine Schönheit eilt zur Garderob,
schnürt den engen Rock und spürt den köstlichen Duft.
Kleine Freundin, spute dich, die Mittagsglocke ruft.

Öffne dein Fenster und zeig dich, ma bergère,
denn vom Marktplatz kommt vorbei so mancher Kavalier;
neig dich, meine Süße, manche Freunde sind da ...
Sieh, er lebt, dein Damon: weiße Stiefel, chapeau-bas.

Essen ist fertig, die Glocke schlägt ein Uhr,
Klößchen in der Suppe, Braten, Fisch, dazu Ragout,
Wein und Wasser, Limonade... halt, welch ein Stich!
Ach, du Schöne stirbst, und keine Rettung ist für dich.

Fläschchen Lavendel und aufgeschnürt das Band,
eilt herbei, Schutzengelchen mit Schälchen in der Hand.
Eine fühlt sich schwach, die andre stirbt vielleicht ganz.
Besser, wenn der blasse Schwarm sich wieder schwingt im Tanz.

Kaffee mit Sahne, die Fächer flirrend gehn,
Kichern, Tuscheln, und die Diademe glitzern schön,
Zuckerbrot beim Klatsch, Konfiserie, Diffamie
sind für Herz und Ohren reineweg Trakasserie.

Lichtergeflimmer, man mischt die Karten neu,
meine Schöne, schließ den Tanz und dich am Spiele freu.
Ach, vor kranken Händen doch das Glück zumeist flieht,
darum fort das Spielewerk, zum Teufel nun damit.

Bett wird gebettet, die Kerze stellt man auf.
Nun hab ich gesehn der Schönen ganzen Lebenslauf,
da im Turm die Glocke just schlägt dreiviertel eins.
Himmel Dank, daß ich statt solchen Eheglücks hab keins.

Übersetzung: Klaus-Rüdiger Utschick