[1] Jugendgedichte I

Gedanken über die Unstetigkeit der Mädchen.

Alle wollen Cloris haben,
ihre Tugend, fest und stet;
doch worin sie wohl besteht,
meine Schöne, darf ich fragen?
Wo die Tugendhaftigkeit
und die Anmut sich gesellen,
speisen sie als klare Quellen
einen Strom der Seligkeit.

Sag mir, Schönste der Juwelen,
gründet Anmut der Natur
etwa in der Hochfrisur?
Nein, hier mag so manches fehlen!
Mit der Schnürung um den Leib
Cloris ihren Liebreiz bindet,
keucht und sich gar tödlich schindet
unter solchem Zeitvertreib.

Und sie glaubt, ihr Ziel muß liegen
in Juwelen, Putz und Pracht;
Fräulein Philis drum bedacht
auf die Mode scheint zu fliegen.
Goldne Uhr und Tabatière
kann die Nymphe nicht entbehren,
da sie lernte alle Lehren,
was die neu'ste Mode wär.

Doch vor allem für die Haare
braucht es Glanz von Taft und Strass,
und so manche Träne floss,
daß Herr Vater nicht verwehre
seinem Püppchen solche Zier,
die so wacker glomm und blinkte
und den höchsten Liebreiz schenkte
just als jüngferliche Zier.

Eau d' Lavende und Schönheitswässer
Kräuterduft im blanken Glas
und manch andres dies und das,
was dem Körper frommt noch besser.
Spiegel liegen stets parat
in dem Schönheits-Cabinette,
zeigen Cloris und Babette
ihrer Mühen Resultat.

Denn an diesem blanken Glase
sieht die Schöne sich nicht satt,
ordnet sorgsam früh bis spat
Chanonaise und Carcasse.
Ach! bedenk, daß nebenbei
Cloris über jene klagte,
denen nicht - wie ihr - behagte
ebensolche Lapperei.

Doch noch mehr der Bagatellen:
Ringelein pour l' amitié
schenken sie einander je,
wenn von Freundschaft sie erzählen
und versüßen mit dem Wort,
aber keck einander schmähen
und beinah wie Hähne krähen
am gedeckten Kaffee-Bord.

Wunderlich ist dein Gebaren,
du Kaffee, der nicht im Grab
legte ab den Wanderstab.
Wer hat je solch Los erfahren?
Lange ging dein Licht schon aus,
und zu Asche man dich brennet;
am Geruch dich jeder kennet
noch vor jedem Kaffeehaus.

O Kaffee, wie du kannst laben!
Cloris, ach, beim Zeitvertreib
hätte Leben nicht im Leib,
könnte sie dich nimmer haben,
da im Schweiß des Angesichts
sie die Stadt frisch reformieret,
über Fakten räsonieret,
doch bisweilen weiß von nichts.

Halt! Was läßt sie mich wohl fühlen,
der in solchem scharfen Ton
nähert sich dem Nymphenthron?
Nun, der Zorn pflegt abzukühlen,
wenn sie erst am Clavcymbal
und am schmachtenden Spinette
spielt und singt die Amourette;
so ist schnell ihr Kummer all.

Es erleichtert unterdessen
eines Haushalts schweres Joch,
wenn man mal ein heitres Buch
von der traurigen Prinzessin
und dem tapfren Prinzen liest.
Liebe glüht und bringt die Wende,
prägt den Anfang und das Ende,
und den Rest man flugs vergißt.

Mehr noch gibt's zum Zeit vertreiben,
liest man Raton und Rosette;
spielt man l’ Hombre, Quince, Trisette.
Wird wohl etwas Geld noch bleiben?
Davon hat man niemals satt,
braucht von Zeit zu Zeit Dukaten;
Iris will doch nicht verraten,
wo sie sie verschwendet hat.

Stets auf Achse zu Visiten:
ein paar Taler Kutscherlohn.
Hausarbeit? Was ist das schon!
Dafür herrliche Meriten.
Cloris ihrer Mutter gleicht,
in der leichten Art der Sinne
und wie sie von Tags Beginne
kaum von ihrem Spiegel weicht.

Doch es frönt noch andren Lüsten
gern das schönere Geschlecht.
Eine gilt nicht mehr als schlecht,
will doch nicht sich närrisch brüsten,
was sie alles kann und weiß.
Cloris sich als Staatsmann preiset,
doch kann nicht, wie sich erweiset,
unterscheiden Korn und Reis.

Wo gilt wohl in unsren Zeiten
noch die alte Ehrbarkeit?
Einst war lieblich eine Maid,
die sich just nicht ausstaffierte
mit Salopp, Etui für Kamm,
Spitzenschürze, Girandollen,
Paraplü und Parasollen
und manch andrem Fltterkram.

So geht jeder Tag zu Ende,
doch was unsre Cloris macht,
hat man nicht genau erfragt.
Daß sie sich dann sachte wende
in dem Bette, herzlich müd,
ungestört der Ruhe fröne:
Gute Nacht, du holde Schöne,
ruhe sanft und wohlbehüt'.

Tugendsam in allem Streben,
in den Sinnen stets vergnügt,
fern dem Treiben, das betrügt,
in der Stille heiter leben,
edler Geist in edler Seel',
Augen strahlend, froh und milde,
Tugendglanz im schönen Bilde:
das ist Iris ohne Fehl.

Unbeschwert, wiewohl beladen
von des Haushalts Pflicht und Last
- während Cloris ohne Rast
im Vergnügen nur will baden -
zeigt sich schön' Calista recht:
Tag und Nacht mit wachen Sinnen
brauen, backen, nähen, spinnen
und mit mehr ziert ihr Geschlecht.

Wie nun Damon sich bemühte,
daß er gäbe Herz und Sinn
einer Venustochter hin,
die die Flüchtigkeit getötet,
fand er doch ein Wesen bloß,
das nur flüchtig wollte weilen,
konnte er mit ihm nicht teilen
seiner reinen Freude Los.

Übersetzung: Klaus-Rüdiger Utschick