Fredmans Gesänge, Nr. 65

Brief an den Kgl. Sekr. Elis Schröderheim
anläßlich der Reise des Königs
nach Russland im Jahr 1777.

 

Traurig, mein Bruder, schau ich zum Strand, wo Wellen des Mälaren fließen;

wäre mir doch wie andren vergönnt, dem König mich anzuschließen,

könnte – wie andre in seinem Kiel – mit Bootsleuten klettern in Tauen

und in der wogenden gischtenden See die Wellen die brausenden schauen,

die Flagge des Königs besingen beim Glas, ihm wünschen, die Fahrt möge glücken,

auf meiner Laute zum Ruhm des Monarchs das Auge mit Tränen schmücken.

Auf einem Schiff kieloben gekippt beim Lärmen der Trommeln und Schellen,

Greise und Kinder drängen sich dicht, Madamen, Mamsellen, Gesellen,

Fernrohr am Aug so steh ich auf Zehn und seufze beim Blitz der Kanonen,

sehe, wie Neptun die glitzernden Welln bevölkert mit nackten Tritonen,

die aus dem Schaum mit flatterndem Haar entsteigen an tausenden Stellen.

Wasser versilbert im gurgelnden Lauf die blaugrün geschuppten Gesellen;

lachend verknoten sie Arm und Bein und schwärmend im Tanz sich bekriegen.

Einige schwimmen am Rücken im Kreis, und andre sich neigend verbiegen,

wiederum andere aus blumigem Horn vergießen die herrlichsten Fluten,

blasen ins Horn, daß mächtig es schallt und Rudrer zum Ruder sich sputen.

Dicht beieinander in mächtigem Schwall, so plumpsen sie in ihre Wogen,

tauchen auf im sprudelnden Strahl und spritzen in sprühendem Bogen.

Äol sich zeigt in Blitz und Gewölk und Flora im blühenden Parke.

Pan erscheint im grünen Gewölb, Diana begrüßt den Monarchen.

Nöcke bevölkern den Meeresgrund und murmeln und taumeln und schweben,

spritzen Fontänen hoch aus dem Meer, vor donnernden Schüssen erbeben.

Inseln und Schären im lichtblauen Plan ein Tyros vorm Auge ausbreiten,

dort ein Schiff, hier ein Boot, da ein Kahn auf winkligem Kurs vorwärts gleiten.

Zwitschernd ein Vogel hoch in der Luft sich anschickt sein Loblied zu schmettern,

Wildgänse schaukeln auf Wogen am Steg ganz nahe den Pfählen und Brettern.

Knatternde Flaggen verwirren den Blick und herunter vom Mastenwald grüßen,

Holländer, Spanier, Engländer, Griech’ und Russ’ salutieren mit Schüssen.

Tausende Wesen schmücken den Strand, der schimmert im glänzenden Lichte,

und Aurora mit rosiger Hand macht Sturmeswut lächelnd zunichte.

Jähester Schrund sich wandelt zum Feld, das Freyjas Scharen umschweben;

vornehm und müde Freyja erscheint, des Königes Fahrt zu erleben,

lehnt sich nach vorn, und holdselig blickt, vom Glanz der Schaluppe geblendet,

sieht, wie der Ruderer, schärpengeschmückt, die Ruder, die glitzernden, wendet,

rührt ihren Trunk aus Mandel und Milch, und als die Geschützblitze zucken,

sieht sie entzückt den König an Bord, vermag ihren Trunk kaum zu schlucken.

Alles ist froh und atmet so frei, und Wolken glühn an den Rändern,

bis plötzlich dunkle Schatten und Qual die lieblichen Stunden verändern.

Dort eine Nymphe beklommen winkt und neiget in Tränen sich nieder,

hält einen Schleier in ihrer Hand, fragt: Wann kehrt der König wohl wieder?

Bruder und Schwester, in Kittel und Kleid, sie toben und rennen und ringen,

der König fährt ab, da weinen sie laut, und sind nicht zur Ruhe zu bringen,

Mutter, das schläfrige Kind auf dem Arm die bange Frage ihm stellet:

Siehest du dort unsren König, mein Kind? Gott weiß, welche Unruh mich quälet.

Siehst du sein Schiff? Dort ist seine Wacht, dort weht seine mächtige Flagge.

Merk diesen Tag! Schlaf in meinem Arm; zur Wiege, mein Kind, ich dich trage,

nimm meine Hand, umfaß meine Brust. – So wandert sie fort im Gefilde,

wandert an einem Krüppel vorbei; ihr Herz überfließet von Milde,

gibt ein Scherflein – ihr einziges – her und reicht es dem Armen, der klaget,

feiert den unvergeßlichen Tag und so dem Regenten behaget;

wieder ein andrer, elend und bleich, erhebt sich auf seiner Krücke,

schwingt seinen Hut, blickt zum Himmel hinauf und ruft: Gott gebe dir Glücke!

Purpurn steht ein Vornehmer dort, in seinem Glanz und Gepränge,

hält vors Gesicht den prächtigen Hut und geht hinein ins Gedränge,

trifft einen Freund und grüßt ihn erfreut, und beide zum Gruße sich beugen.

Sie umarmen einander bewegt, mit Tränen den Glückwunsch bezeugen.

Einige singen erst fröhlich und laut, dann grübelnd die Wimpel betrachten;

einige auf den Bänken am Kai vor Kummer und Trübnis verschmachten.

Andere hinter Rössergespann aus Wagen sich lehnen und grüßen,

winken mit Zweigen, Fächern und Flor, und Bootsleute jauchzen und schießen.

Drängend der Hengst mit wehender Mähn’, wie knistert’s an Beinen und Lenden,

als nun das schwimmende Schloß beginnt, beim Donner der Pauken zu wenden.


Nein, ich kann, lieber SCHRÖDERHEIM, die Sehnsucht dir nicht verhehlen,

welche aus fröhlichen Häusern macht die finstersten, schrecklichsten Höhlen.

Deswegen, Bruder, geh ich meinen Weg, wohin die Götter mich führen,

wirke mein Netz, nehm die Büchse zur Hand, hör auf, meine Leier zu rühren,

wandre zu einer Kate weit fort in den Wald zu Wölfen und Bären,

um mit Wildbret und Rauch am Altar die Göttin des Waldes zu ehren.

Bin ich dir wert in solch einer Tracht? Sag, bin ich würdig Dianen?

Und gefällt dir mein Hemd und mein Hut auf solchen blutigen Bahnen?

Golden und grün mein Gehänge aus Taft, so hart und fest wie die Sehnen,

federgeschmückt mein buckliger Hut – so will ich dem Mannestum frönen!

SCHRÖDERHEIM, hörst du, hörtest du nun, wie lieblich die Waldhörner klingen?

Hinter den Hasen im hechelnden Lauf die Hunde der Jäger schon springen.

Lau ist die Luft, und still ist die Au und prunket mit ihrer Ziere.

Schon hört man Ziegen mit Schellengeläut, von fern das Gebrülle der Stiere.

In einer Mulde tutet ins Horn die Hirtin, die Herde zu rufen.

Langhalsig steht auf der Weide das Vieh und blickt zu den Hütten und Hufen,

wo du die Bäuerin könntest sehn, wie sie melkt in die hölzerne Bütte,

während die Kuh mit dem Schwanze verscheucht die Mücken im Stall bei der Hütte.

Da kommt ein Wagen, es wirbelt der Staub, die Magd alleine dort reitet,

während der Kutscher, schläfrig und voll, ihr nicht das Fahren bestreitet.

An einer Biegung machen sie Halt, ein schmuckes Schild ist zu sehen;

umgekippt liegt die Ladung im Sand, die Rösser halfterlos stehen.

Zwischen Espen und Ahorn geduckt die kleine Kate man findet;

hinter dem Zaun ein plätschernder Bach, der unten im Tale verschwindet.

Drinnen im Haus sitzt der Kätner am Tisch mit Wasser im Kruge zum Trinken

unter dem Kuckuck, der schreit aus der Uhr – und läßt das Schnitzmesser sinken,

schärft an der Sohle das Messer und schnitzt fürs Rad zwei eichene Speichen,

lüftet den Hut und nimmt einen Schluck, um dann den Krug mir zu reichen.

Mit vielen Sprüchen und Bildern bunt ist seine Stube gezieret:

Saul mit dem Speer, Susanna im Bad, und Absaloms Gaul galoppieret.

Bei einem Bett mit Quasten aus Garn die Wiege wippt in der Stille.

Auf einem Schemel die Alte sitzt und suchet im Buch mit der Brille,

liest eine Zeile darinnen und singt, doch klinget heiser die Weise.

Für unsren König betet sie fromm und wünschet ihm glückliche Reise.

Fröhlich der Bauer auf seinem Stuhl ein Liedlein summt mit Gebrumme,

prostet auf seinen König – froh, daß die Saat gedeiht auf der Krume.

Manchmal blickt er zum Fenster hinaus, betrachtet den Mond und die Sterne,

gute Winde verheißet und zeigt gen Åbo, weit, weit in der Ferne.

Mächlich der Roßknecht sein Pfeiflein putzt und flucht über Flintstein und Zunder,

seufzend hinauf zu den Wolken blickt und den redlich Gesinnten darunter,

schmaucht mit Genuß und pustet den Rauch und hofft – so die Götter gewähren –,

daß gegen Neujahr mit Gottes Hilf der König wird wiederkehren.

Und eine runzlige Alte dreht das Knäul an der Spindel zum Zopfe,

zetert mit der Maid an dem Herd, die Käse kernet im Topfe,

meint, daß die Gerste prächtig gedeiht, daß schwer die Ähren sich neigen,

daß sie wohl bald zu Maische gemacht – und hofft, daß die Winde bald schweigen.

Dann befüllt die Alte den Herd mit Kohle aus einer Schütte,

neigt zum Gebet sich nieder für den, dessen Macht bewacht ihre Hütte,

bittet mich um einen Lobgesang und nennt ihren König mit Schmerze.

Deshalb merk: Unter mürrischer Mien’ wohnt oft das frömmeste Herze.

Willig und froh so sing ich mit ihr ein Loblied mit fröhlichen Sinnen.

Stühle und Schränke, Spulen und Tisch – das alles tanzet herinnen.

Kinder und Alte, Fuhrleut zu Hauf, Roßknechte, entlaufne Gesellen

stehen im Kreis. Der Schütze bricht auf, in Bergen den Schuß hört man gellen;

auf meinem Rücken den Hasen ich trag und Kiebitze in meiner Tasche.



ELIS, gut Nacht! ich trink auf dein Wohl den letzten Tropfen der Flasche.

Still meine Qual, nimm die Leier zur Hand; nicht länger ertrag ich die Feier.

Lebe der König, geliebt und groß! Leb wohl! Dort ist meine Leier.

* * *

Mond geht auf, und Donner grollen,
dunkel liegen Strand und Mol’,
Wimpel flattern an den Jollen.
Freudenrufe und Gejohl.
Corno. - - - - - - - - - -
Hurra, des Königs Wohl!
Die Hüte schwingt
und trinkt!
Hurra! Ein volles Skål!
Des Königs Wohl! :||: