[60] Fredmans Sång

DER GIERIGE UND UNVERFRORENE GAST

Du hast zu fordern von meinen Sinnen:
Freundschaft, sagst du? – “Nein,
nein, Freunde gibt’s genug hier drinnen,
gib mir lieber Wein!”
Gieß tüchtig hinein in die Kehl’,
hantiere nur deine Bouteill’,
trinke schnelle und trinke, trinke Glas auf Glas
und preise den Wirt, seinen Schmaus und sein Faß!

Du hast zu fordern, was dir nütze,
was du gerne hast.
– “Das, was du hast in deinem Besitze,
lose oder fest.”
Gieß tüchtig &c.

Du hast zu fordern aus meinem Fasse,
was du willst, voilá!
– “Den letzten Tropfen mir überlasse
von deinem Malaga.”
Gieß tüchtig &c.

Du hast zu fordern, wähl das Beste,
sag’s mit freiem Mut.
– “Bei Tag und Nacht auf deinem Feste
trink ich und hab’s gut.”
Gieß tüchtig &c.

Du hast zu fordern, such zusammen,
was du willst, und schau!
– “So möcht ich denn in deinem Namen
schlafen bei deiner Frau!”
Gieß tüchtig &c.

Du hast zu fordern nach Behagen,
was dir just fällt ein.
– “Sofern du es denn kannst ertragen:
daß deine Frau wird mein!”
Gieß tüchtig &c.

Du hast zu fordern, auf Treu und Ehre,
sag’s nur frei und frank!
– “Nun denn, den Schlüssel ich begehre
zu deinem Kassenschrank.”
Gieß tüchtig &c.

Du hast zu fordern, nimm die Flasche,
folg deiner Natur!
– “Prosit, so gib aus deiner Tasche
mir die goldne Uhr.”
Gieß tüchtig &c.

Du hast zu fordern, sprich oder lalle,
ehe es zu spät.
– “Ja, diese Jacke, in dem Falle,
daß sie mir gut steht.”
Gieß tüchtig &c.

Du hast zu fordern ohne Bedenken,
sag ‘s nur frei, ich bitt.
– “Zu meiner Wirtin Angedenken
nehm ich ‘nen Löffel mit.”
Gieß tüchtig &c.

Du hast zu fordern, was ist dein Wille,
was ist meine Schuld?
– “Ins Totenhemd ich selbst dich hülle
und nehm deine Schatull.”
Gieß tüchtig &c.

– “So will dein Lob ich hier erklären
schlicht und unverziert
und auf dich trinken und dich ehren,
bester, edelster Wirt.”
Gieß tüchtig hinein in die Kehl’,
hantiere nur deine Bouteill’,
trinke schnelle und trinke, trinke Glas auf Glas
und preise den Wirt, seinen Schmaus und sein Faß!